Neurodiversität

Die Treppe

Nehmen wir einen Rollstuhlfahrer, der an einer Treppe steht. Diese stellt für ihn ein unüberwindbares Hindernis dar. Aber was ist nun das Problem? Dass die Treppe nicht für Rollstühle gemacht ist oder dass der Rollstuhl nicht für Treppen gebaut ist?1

Eine Treppe ist eine kostengünstige Möglichkeit, mit der die meisten Menschen einfach eine gewisse Höhe überwinden können. Wären wir alle Rollstuhlfahrer, würde niemand auf die Idee kommen, überhaupt Treppen zu bauen.

Einem Rollstuhlfahrer bei einer Treppe zu helfen ist nicht einfach, deswegen entschärfen wir die Situation im nächsten Abschnitt.


Der Kinderwagen

Nehmen wir eine Frau mit einem Kinderwagen.2 Viele Menschen laufen vorbei und ignorieren sie einfach. Dann kommt ein Mann und drückt ihr einen Gutschein in die Hand für ein kostenloses Coaching: „Wie manage ich meinen Kinderwagen?“ Sollte ich an dieser Frau vorbeikommen, werde ich ihr selbstverständlich helfen. Aber nicht nur die Treppen sind eine Herausforderung, auch die Türen der U-Bahn. Es ist gar nicht so leicht, mit Kinderwagen eine U-Bahn-Tür zu öffnen. Aber dass einer der anderen Passanten hilft, ist leider die Ausnahme. (Bei U-Bahn-Fahrten schaue ich gerne aus dem Fenster und wenn jemand bei der Tür Hilfe benötigt, bin ich natürlich da.) An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass auch Menschen, die einen Rollator oder Krücken haben, derselben Hilfe bedürfen.


Was hat das nun alles mit Neurodiversität zu tun?

Das Gehirn eines jeden Menschen funktioniert etwas anders. Sind die Abweichungen über einer gewissen Schwelle, spricht man von Neurodiversität.3 Diese Andersartigkeit hat Vorteile und Nachteile. Ich persönlich betrachte meine Neurodiversität nicht als Behinderung, denn behindert ist man nicht, behindert wird man. Und häufig hilft sie mir.

Neurodiversität hat viele Ausprägungen, das Internet bietet Dir hier reichlich Informationsmaterial. Wichtig für Dich ist nur zu wissen, dass es einen Unterschied macht, ob man keine Beine oder drei Arme hat.

Die Schwierigkeit der Neurodiversität – sowie auch alle psychischen Krankheiten – ist, dass sie für uns nicht so leicht verständlich (offensichtlich) ist. Bezüglich der neurodiversen Menschen versuche ich mal eine Einteilung in Gruppen:

  • Die vermutlich größte Gruppe der Neurodiversen sind Menschen, bei denen die Neurodiversität nicht groß auffällt, die im Alltag integriert sind und in vielen Fällen nicht einmal selbst wissen, dass sie neurodivers sind.
  • Menschen, die einen fast permanenten Leidensdruck haben, bei denen es meist schnell auffällt. Nach meiner Wahrnehmung ist dies eher eine kleine Gruppe.
  • Personen, die nur eine punktuelle Einschränkung haben und die meiste Zeit im Alltag gut klarkommen. Zu dieser zähle ich mich und werde Dir dies nachfolgend erläutern.

Der Jogger

Nehmen wir einen guten Läufer.4 Er hat schon in regionalen Wettbewerben kleinere Preise gewonnen. So jemand hat man gern in seinem Sportsteam.

Was die anderen nicht wissen, dass er einen unsichtbaren Kinderwagen vor sich herschiebt mit der Beschriftung „Neurodiversität“. Dieser Kinderwagen hilft ihm gelegentlich in schwierigem Gelände – dies ist der Grund, warum er die Preise gewonnen hat. Aber manchmal kommt eine Treppe.5 Und dann hat er ein Problem. Wenn er um Hilfe bittet, gibt es folgende Reaktionen:

  1. Er wird ignoriert
  2. Es wird mit Unverständnis reagiert: „Du bist doch so ein guter Läufer, da kann doch so eine kleine Treppe kein Problem sein.“
  3. Ratschläge: „Du musst Dich nur wirklich anstrengen …“
  4. Coachingangebote: „Ich zeige Dir, wie man Treppen geht.“
  5. Echte Hilfe

Meine persönliche Situation

In der Regel erfahre ich die Reaktionen a-d. Wenn ich bei „d“ sage: „Ich habe schon mehrere Psychotherapien hinter mir. Autistische Züge sind nicht heilbar.“ Ist die gängige Antwort: „Mit der Einstellung kann es ja nicht funktionieren…“

Während 98% meiner Zeit funktioniere ich weitgehend normal und bin nicht besonders auffällig. Da brauche ich auch keine Hilfe. Aber diese 2% machen sehr viel kaputt. Die Treppe wird zum herausfordenden Hindernis. Wenn ich sie endlich überwunden habe, habe ich den Anschluss zur Laufgruppe leider häufig verloren.

Um Dir einen Eindruck zu vermitteln, will ich Dir im nächsten Abschnitt eine Hürde näher darstellen.


Zwischen den Zeilen lesen

Eine – aus meiner Sicht seltsame – Eigenschaft der Menschen ist, dass sie nicht einfach sagen was sie wollen oder denken, sondern „zwischen den Zeilen schreiben.“ Umgekehrt meinen die meisten Menschen, den Willen des anderen besser ergründen zu können, wenn sie „zwischen den Zeilen lesen.“

Das erstaunliche ist, dass diese Methode schon bei neurotypischen Menschen schlecht funktioniert. – Mit autistischen Personen meist überhaupt nicht. Man stelle sich zwei IT-Systeme vor, die über eine Schnittstelle kommunizieren und das eine System meint, es müsste erraten, was das andere will. Absurd!6


Meine Konsequenz

Natürlich habe ich über die Jahrzehnte eine gewisse Bewältigungsstrategie entwickelt. Wie diese aussieht und inwieweit sie funktioniert, findest Du in meinem Buch Geführte Partnerschaft, erschienen bei BoD. (Dort stelle ich meine Neurodiversität wesentlich umfangreicher dar und benenne die Bereiche, bei denen ich anders bin.)

In meinem Buch entwickle ich für die Partnerschaft, so wie ich sie mir wünsche, ein vollkommen neues Beziehungsmodell. Dadurch, dass es stark strukturiert ist, könnte es gerade bei gewissen Formen von Neurodiversität hilfreich sein. Einen ersten Eindruck bekommst Du davon, wenn Du auf meine anderen Internetseiten schaust.7 Für viele ist der dort aufgezeigte Ansatz nicht zielführend, aber ich hoffe unter den Menschen, die keine einfachen Antworten suchen, die bereit sind für eine enge Beziehung wirklich zu arbeiten und auch etwas geben wollen, den Herzensmenschen zu finden, der eine echte Kompatibilität zu mir hat und der mir gerne gelegentlich an der einen oder anderen Treppe hilft.

München, im Juni 2026

Rupert